Dieser Artikel ist ein Beitrag von unserer langjährigen Kursteilnehmerin Jana - vielen Dank, liebe Jana.
Ich habe derzeit richtig Spaß daran, meinen Kleiderschrank auf Links zu drehen und mir ganz viele neue Oberteile zu nähen – und dabei direkt das eine oder andere neue Schnittmuster auszuprobieren. Als ich mir den Schnitt „The Splitsville Top“ von George + Ginger herausgepickt und mich auf die Suche nach dafür passenden Stoffen gemacht habe, hatte ich die spontane Idee, einen Blogbeitrag zu diesem Projekt zu schreiben.
Das Shirt hat eine eckige Teilung und aus diversen Nähgruppen auf Facebook weiß ich, dass es für den einen oder anderen durchaus herausfordernd sein kann, diese sauber umzusetzen. Zudem hat mich die Schwarz-Weiße Stoffwahl auf die Idee gebracht, das Shirt mit einem ganz besonderen Saum an den Ärmeln zu versehen: einer Wave-Flachnaht.
Übrigens ist der Musterstoff von VerNÄHbar, es ist allerdings schon ein Weilchen her, dass ich diesen bestellt hatte.
Eckige Teilung - Vorbereitungen
Wie du auf dem Foto mit den einzelnen Schnitteilen siehst, hat das Vorderteil eine eckige Teilung. Damit sich diese sauber nähen lässt, verstärke ich die Ecken vom oberen und unteren Vorderteil auf der linken Seite zunächst mit Vlieseline Nahtband. Ich habe dieses sowohl in Schwarz als auch Weiß, sodass ich die Verstärkung dem Stoff anpassen kann.
Als Nächstes zeichne ich im Bereich der Ecke die Nahtzugabe ein, was ein passgenaues Aufeinanderstecken der Stoffe erleichtert.
Ich lege mir immer eine Moosgummimatte unter und steche eine Nadel durch die eingezeichneten Nahtkreuzungen von oberem und unterem Vorderteil.
Dadurch, dass die in der Moosgummimatte steckende Nadel die Stoffe nun fixiert, kann ich den obenliegenden Stoff so drehen, dass dieser auf einer Seite perfekt mit der Kante des unteren Stoffs abschließt. Das Ganze stecke ich mit Klammern fest und kann die Nadel anschließend entfernen.
Nun geht es an die Nähmaschine und ich nähe einige Zentimeter (nicht die komplette Strecke) exakt im Abstand der Nahtzugabe - die der eingezeichneten Linie entspricht - bis zur Nahtkreuzung.
Anschließend wird die Ecke des unteren Vorderteils vorsichtig bis zur Naht eingeschnitten. Die Naht dabei auf keinen Fall verletzen!
Nun kann ich die andere Seite des Stoffs am unteren Vorderteil ausrichten und mit der Nähmaschine im Bereich der Ecke – wieder exakt bis zur Nahtkreuzung – fixieren.
Eckige Teilung nähen
Nachdem diese Vorarbeit geleistet ist, geht es an die Overlock – in meinem Fall die baby lock Gloria - und das obere und untere Vorderteil können nun komplett aneinandergenäht und dabei gleich versäubert werden. Übrigens gibt es zur Gloria ein ganz wundervolles Komplettpaket, das auch die Videos zu den später im Beitrag noch genannten Wave- und Flachnähten enthält 😉
Ich nähe nun einmal von der Außenseite bis zur Spitze und setze dann nochmal neu an, um die zweite Seite mit der Overlock zu nähen. Die Fadenraupen an der Spitze der Teilung ziehe ich anschließend in die Naht, sodass alles schön sauber ist. Von der rechten Seite sieht das Vorderteil nun wie folgt aus:
Natürlich wird das Ganze noch gecovert, damit sich die Nahtzugabe schön flachlegt. Außerdem setze ich mit weißem Garn einen spannenden Kontrast. Damit die Maschine den Stoff gut transportieren kann, lege ich am Nahtanfang einen Stoffrest – auch „Hebamme“ genannt – unter. Falls du dich über den seltsamen Coverfuß wunderst: das ist der patentierte Pendelfuß der baby lock Primo. Eine ganz wunderbare Maschine, zu der es bei Courleys eine hilfreiche Einweisung gibt.
Im Bereich der eckigen Teilung nähe ich ganz langsam, hebe dann leicht den Nähfuß (ein Hoch auf den Kniehebel!) und drehe den Stoff vorsichtig. Nun senke ich den Nähfuß wieder ab und setze die Covernaht fort. Das Ergebnis ist eine wunderschöne Naht, die „um die Ecke geht“.
Das Rückenteil nähen
Das Rückteil besteht bei diesem Schnitt aus insgesamt vier Teilen, wovon zunächst jeweils zwei miteinander verbunden werden. Da somit keine „Ecke“ zu nähen ist, geht das Ganze schnell und unkompliziert. Natürlich habe ich hier ebenfalls die weiße Covernaht gesetzt.
Der interessante Teil beim Rückteil dieses Schnitts folgt jetzt, denn das Rückteil wird nicht komplett geschlossen! Dieses wird zunächst im oberen Bereich bis zur Markierung im Schnittmuster mit einer Nahtzugabe von ca. 2,5 cm (da es sich um ein englischsprachiges Schnittmuster handelt, gibt es dort lediglich Inch-Angaben) zusammengenäht. Ich habe mir eine entsprechende Hilfslinie eingezeichnet. Da ich öfter amerikanische Schnitte nähe, habe ich diverse Quiltlineale mit imperialer Einteilung.
Der Übergang der Teilung soll nach dem Zusammennähen natürlich perfekt aufeinanderpassen, daher stecke ich diesen Bereich mit einer meiner geliebten „Gabelnadeln“. So verrutscht garantiert nichts!
Nun geht es wieder an die Nähmaschine. Ich habe den Obertransportfuß meiner Bernina 770 QE verwendet, um den Jerseystoff besonders gut transportieren zu können. Zudem verwende ich auch hier eine sogenannte Hebamme, um der Maschine den Nahtbeginn leichter zu machen.
Zusammengenäht sieht das Ganze wie folgt aus:
Im nächsten Schritt wird die Nahtzugabe von 2,5 cm entlang des kompletten Rückteils umgebügelt …
… wieder aufgeklappt und doppelt eingeschlagen, sodass sich ein schöner Saum ergibt. Diesen habe ich gut mit Nadeln gesteckt. Was kompliziert klingen mag, wird in der englischsprachigen Anleitung zum Schnitt nachvollziehbar dargestellt.
Das Ganze wird knappkantig abgesteppt. Hierfür verwende ich wiederum den Obertransportfuß, diesmal jedoch mit dem Aufsatz mit mittiger Führung.
Das Rückteil ist fertig!
Ich habe nun die Schulternähte von Vorder- und Rückteil geschlossen und schon einmal das Halsbündchen angenäht.
Ärmelsaum mit Wave-Flachnaht
Jetzt wird es richtig spannend! Ich hatte mir in den Kopf gesetzt, die Ärmel mit der Wave-Flachnaht zu säumen. Bisher habe ich die Wavenaht für Paspeln und Teilungen verwendet (und selbst das liegt schon eine ganze Weile zurück *hüstel*), aber noch nie damit gesäumt. Daher war ich selbst gespannt, ob die Idee funktioniert. Zunächst habe ich mir zur Auffrischung die Videos „Die Wavenähte der baby lock“ und „Die Flachnähte der baby lock 1B“ angeschaut.
Dann ging es auch schon an meine baby lock Enlighten, die ich entsprechend des Tutorials eingefädelt habe. Dabei habe ich mich für das Extra Woolly Nylon von baby lock entschieden – ein ganz besonders dickes Bauschgarn, das sich in der Wavenaht richtig gut macht. Wie man dieses über einen kleinen „Umweg“ einfädelt, wird in den Kursen ausführlich erläutert 😉
Doch bevor es an die Wave-Flachnaht geht, wird der Ärmel vorbereitet. Ich habe den 2 cm breiten Saum vorm Annähen bereits gebügelt, sodass das spätere Einschlagen erleichtert wird. Nachdem die Ärmel angenäht und die Seitennähte des Oberteils geschlossen sind, schneide ich die Nahtzugabe auf Höhe des Ärmelsaums ein, damit ich diese auseinanderlegen kann. So habe ich dort beim Säumen keine ganz so dicke Stelle.
Wichtig ist, dabei den äußersten Nadelfaden nicht mit durchzuschneiden! So hält die Naht, obwohl ich sie eingeschnitten habe. Nun kann die Saumzugabe wie gewohnt auf die linke Seite umgeschlagen werden. Um jedoch die Wave-Flachnaht zu nähen, muss der Saum noch ein weiteres Mal in Breite der Saumzugabe nach innen umgeschlagen werden! Da der kurze Ärmel bei diesem Shirt schon sehr kurz ist, war das durchaus ein wenig fuckelig, aber machbar 🙂
Wichtig ist, wirklich ganz sauber umzuklappen, sodass die offene Stoffkante genau in der so entstehenden Falz liegt. Andernfalls verfehlt die Nadel diese Stoffkante und der Saum wird nicht sauber genäht. Damit nichts verrutscht, habe ich das Ganze mit reichlich Nadeln gesteckt.
Nun geht es endlich an die Enlighten und die Wave-Flachnaht wird genäht. Ich habe natürlich zuvor auf Stoffresten vom Zuschnitt Probenähte gemacht, um die perfekten Einstellungen zu ermitteln. In diesem Fall nähe ich mit Stichlänge 2 – so sind die Wellen schön dicht, das dicke Garn hat aber dennoch genügend Platz, sich zu legen.
Eigentlich ist es vorgesehen, dass bei der Wave-Flachnaht die rechte Nadel eingesetzt ist – allerdings hat man dann nur ganz wenig Spielraum, damit die Nadel den Stoff auch trifft. Ich lasse nämlich zum Messer einen guten Millimeter Platz, führe den Stoff also mit etwas Abstand daran vorbei (das Messer habe ich daher auch deaktiviert). So hat die Naht bzw. der Stoff genug Platz, um sich später richtig schön flachzulegen. Um auf der sicheren Seite zu sein, habe ich daher die linke Nadel eingesetzt. Das funktioniert nämlich genauso gut – und wie Manu in einem der Tutorials sagt: was der Maschine nicht wehtut, kann man auch entgegen der vorgesehenen Anleitung durchaus machen 😉
Da man beim Rundschließen der Flachnaht einen sichtbaren Übergang kaum vermeiden kann, fange ich möglichst nah an der Achselnaht an zu nähen – so fällt das Ganze beim Tragen nicht mehr wirklich auf. Sobald ich mich dem Anfang der Naht nähere, schneide ich die losen Fäden knapp ab und übernähe den Nahtanfang mit ein paar Stichen. Die nun losen Fäden ziehe ich nach innen, verknote und vernähe diese. Die Lassonadel ist mir dabei eine große Hilfe, denn das Extra Woolly Nylon lässt sich kaum in ein normales Nadelöhr einfädeln.
Noch steht die Naht sichtbar hoch …
… doch sobald man die Stoffe auseinanderzieht, verschwindet der Nadelfaden auf der linken Stoffseite und die Wavenaht legt sich flach.
Hier siehst du die Naht einmal von außen und von innen:
Auf beiden Seiten haben wir ein herrlich sauberes Ergebnis – und einen Saumabschluss, der für einen richtigen Wow-Effekt sorgt! Den Saum des Shirts habe ich ebenfalls mit weißem Garn gecovert und mit einem Weblabel versehen – das Ergebnis zeige ich dir auf den folgenden Bildern. Ich hoffe, ich kann dich mit diesem Beitrag inspirieren und motivieren, mehr aus deinen tollen Maschinen herauszukitzeln. Vielen Dank, dass du mich auf meiner Nähreise begleitet hast!
Wenn Du Deine baby lock auch richtig kennenlernen möchtest, kann ich Dir die Kurse von Courleys sehr empfehlen.
Ganz liebe Grüße,
Deine Jana





